Alt-Hoheneck - Gesamtansicht
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Alt-Hoheneck
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Wilhelm Nagel

Im Oktober 1905 ist die Welt im Umbruch. Die Russische Revolution, technische Errungenschaften, wie der erste erfolgreiche Flug eines motorisierten Flugzeugs, des Doppeldeckers der Gebrüder Wright oder musikalische Höhepunkte, wie die Uraufführung der Operette „Die Schützenliesel“ bewegen die Welt.

Einen interessiert all dies wenig. Es ist ein kalter Samstagmorgen Ende Oktober 1905. Der Mesner der Wolfgangkirche in Hoheneck steht im Chor seiner Kirche und hängt verschwitzt an den Seilen der Kirchenglocken. „Wenn dia jetzd ned glei kommat, no gang i hoim ..“ denkt er so bei sich, wie er nun bereits zum dritten Mal mit dem Glockengeläut zum Gottesdienst ruft.
Eine Hochzeit soll stattfinden, aber das Brautpaar lässt auf sich warten. Eben musste er nochmals Holz auflegen, weil das Feuer im Ofen der Kirche zu erlöschen drohte. Jetzt klingen zum dritten Mal die Kirchenglocken. Der Vater des Bräutigams scherzte vorhin noch: „Mei Wilhelm hats scheints wieder greut!“
Was, wenn die Hochzeit nun ausfällt?  Dann wäre die Ganze Mühe umsonst gewesen.
Mit einem leisen Quietschen öffnet sich die Tür der Sakristei. Ein kleines Mädchen steht in der Türe und ruft: „Etzat kommat se!“
Sie kommen … endlich. Der Mesner lässt die Glockenseile los und hetzt um die Kirche herum. Der Zug des Brautpaares steht schon im Kirchhof, als der die Türe des Westportals öffnet. Zu den Klängen der Orgel betritt das Brautpaar, mit 1,5 Stunden Verspätung endlich die Kirche …

Der Vater des Bräutigams blickt stolz auf seinen einzigen Sohn. Das war nicht immer so, denn Wilhelm hätte eigentlich den väterlichen Bildhauerbetrieb übernehmen sollen. Stattdessen suchte er sein Glück in „der Fremde“. Damals war der Vater enttäuscht. Waren ihm von seinen 8 Kindern, neben seiner 4 Töchter nur dieser eine Sohn geblieben. Doch Wilhelms Welt war die Musik.

Er ging in Hoheneck zu Schule, sang hier bereits im Schulchor und auch im Kirchenchor mit. Bereits mit 14 Jahren verließ er seinen Geburtsort und ging nachdem er die Lateinschule in Ludwigsburg besucht hatte, nach Esslingen.
Sein Ziel war es Volksschullehrer zu werden. Da die Aufgaben eines dörflichen Volksschullehrers meist mit einer Organistenstelle verbunden waren, stellte diese Berufswahl für das einfache Volk die Change dar, eine musikalische Ausbildung zu erfahren. Im Esslinger Lehrerseminar begann seine Ausbildung. Damals zählte dieses Lehrerseminar zu den angesehensten im ganzen Land. Viele Städte und Gemeinden forderten einen Abschluss an diesem Seminar als Grundvoraussetzung für Stellenbewerber im Schulbetrieb. So kam der Sohn des Hohenecker Bildhauers in die turbulente Handelsstadt Esslingen. Ein Unterrichtstag dauerte von 6:00Uhr morgens bis 20:00Uhr abends. Einen sehr großen Teil des Tages nahm der Musikunterricht ein. Von 14:00 bis 18:00 Uhr standen Klavierspiel und Singen und ab 18:00Uhr Instrumentalmusik auf dem Programm. 1891 legte er seine erste Dienstprüfung ab und kam 1892 als Lehrergehilfe nach Gerlingen. 1894 trat er in das königliche Konservatorium Stuttgart ein. Er belegte dort Gesang und Orgelspiel. Nach einem Abstecher zum Orgelunterricht bei Heinrich Reimann in Berlin, kehre er nach Esslingen zurück. Bereits 1894 war Wilhelm als außerplanmäßiger Musiklehrer am Esslinger Seminar angestellt. 1905 legte er die zweite Dienstprüfung für Volksschullehrer ab und durfte fortan Schulunterricht erteilen.

Alle Betätigungsfelder aufzuführen, die Wilhelm Nagel in den nächsten Jahrzehnten pflegte und ausfüllte, würde den Rahmen dieser Zusammenfassung sprengen. Übergreifend könnte man sagen:

Der Bräutigam aus unserer kleinen Geschichte vom Anfang war ein Orgelvirtuose, Musikpädagoge, Komponist, Chordirektor des Esslinger Liederkranzes und von 1920 bis 1945 Bundeschormeister. Er leitete mehrere Massenchorveranstaltungen mit bis zu 60.000 Mitwirkenden.
Wilhelm Nagel erhielt viele Ehrungen, die sein musikalisches Schaffen und seine Verdienste hervorhoben.
In Esslingen machte er sich besonders um den „Esslinger Liederkranz“ verdient. Als langjähriger Chorleiter führte er den Chor in „neue Dimensionen“. Unter seiner Leitung wurde der „Esslinger Liederkranz“ weit über die Stadtgrenzen hinaus berühmt.

Obwohl er 1905 bereits Organist in der Esslinger Stadtkirche St.Dionys war, führte er seine Frau in seinem Geburtsort Hoheneck zum Traualtar. Sein Kommentar zum frisch erworbenen Ehestand: „Wisset Se, wenn i gwißt hätt, wie nett´s im Ehestand zugoat, no hätt i scho viel bälder gheiratet!“

 

Kurz vor seiner goldenen Hochzeit verstarb Prof. Wilhelm Nagel am 01.10.1955.

 

 

 

 

An zwei Stellen wird an ihn hier in Hoheneck erinnert.
Zum einen mit der Gedenktafel an seinem Geburtshaus und zum anderen an einer der längsten Straßen in Hoheneck: Der Wilhelm-Nagel-Straße.

 

Besonders bedanken möchte ich mich bei Dr. Günter Wößner, dem Vorsitzenden des Esslinger Liederkranzes, der mir bei der Recherche zu diesem Artikel sehr geholfen hat.

Quellen:
Bild + Kommentars Nagel zum Ehestand: Festschrift 175jährigen Jubiläum des „Esslinger Liederkranz“ – Der Wortlaut der Erzählung und die wörtlichen Reden, entspringen meiner Dichterischen Freiheit.

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